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Gedichte

Der Haarmann

Hoch blaut die Nacht über Stadt und Turm
Kein Wölkchen ringsum,
Der Nebel schwelt nach der Haar ins Bruch,
Darüber des Mondes Leichentuch.

Gerd Droste der fährt die Marie nach Haus,
Vorbei ist das Fest und der Hochzeitsschmaus. –
Die arme Lene rauft sich ihr Haar,
Sie hielt ihm Treue die sieben Jahr

Der Türmer, er blies schon die längste Rund,
Die Lene totstumm am Fenster stund,
Die Mitternacht schlug vom Turme die Uhr
Als Gerd mit der Braut vorüberfuhr.

„ Gerd Droste, was blickst du so bleich und stumm,
So irre und wunderlich um und um?“
„ Sei stille,  Marie! – Das Bild – o – das  Bild, -
So schaurig düster hohlwangig und wild.“

„Was schert dich das Weib und ihr leeres Geplärr!
Heut bist du von hundert Morgen der Herr!
Geld, Mägden und Knechten! Ist Glücks genug!“
„ Schweig stille, Marie! – Ich hör` einen Fluch!“

Die Räder hämmern das Schottergestein
Und rattern herum in Schatten und Schein,
Ein Feldkreuz steht stumm zum Himmel hinauf, -
Da hockt der Haarmann, - nu sitzt er auf.

Ein Männlein, grau wie ein Bild von Stein,
Die feurigen Augen Phosphor spein. –
So grün und gelb wie Schwefellicht
Und glasdurchsichtig sein Gesicht.

„ Was ist dir Marie! – Was siehst du? – Sprich!
Du zitterst und fröstelts – Was ängstet dich?“
„O, dort - da – dort!“  „ Wer ist dieser Wicht?
Wann stieg er auf? – Ich sah ihn nicht.“

Marie, die wankt und wehrt und fehl –
Der Wicht leicht hin auf der Flechte geht –
Wie Nachtmahrsdruck unter fahlem Schein,
So Würgt der Bauer – o, könnt er nur schrei`n! –

Nun schwebt er über die Deichsel dort,
Nun lockt er die Pferde – fort und  fort,
Wild bäumen und schäumen sie hinter ihm drein. –
Das  Männlein setzt ruhig Bein vor Bein.

„ Zum Teufel! ich halte die Pferde nicht mehr!
Was kam dem Stangengaul in die Quer?
Die Peitsche, Marie! – Die Peitsche! – Verdammt!“
Nun über den Graben – auf Ackerland.

Die Straße verbleicht, - nun die Pappelreih`n,
Der Nebel braut und kraust ums Gestein,
Wie Schewfelschwele mit drinnen der Wicht,
Die Gäule stäuben – den eilt es nicht.

„ Marie, Marie! Hab acht auf die Spur,
Bergauf die Haar, und bergab ich fuhr!“
Tief geht das Rad – tief geht der Huf, -
Marie, die achtet nicht seinen Ruf.

Sie wimmert und winselt – Verwünscht sich und ihn.
„ Ha du, mein Weib? –Ach, könnte ich flieh`n! –
Das Bild – o – das Bild! – Was hab ich getan? –
Verraten dich, Heil`ge um schnöden Wahn!“ –

Hoch bäumt er sich auf – in die Nacht hinein. –
Er steht auf der weiten Welt allein! –
Die Gäule schäumen, der Boden bebt,
Der Nebel hebt sich, schwelt und schwebt.

„ O, da wird hell! – Du ersehntes Licht! –
Wo blieb doch der Haarmann? – Ich seh` ihn nicht?
Hilf  Himmel das Schwalchloch! So schrecklich nah,
Kaum zwanzig Schritt. – Wer rettet mich da!“

Das Donnert so hohl! - - so donnernd rollt
Der Sturzbach, der in den Tiefen grollt, -
Ein Wölklein schwebt  über Haar und Bruch,
Darunter des Mondes Leichentuch.- - -
( Gödde / 1921)